Letzte Station – ein Gedankenspiel

Der Arbeitskreis Gottesdienst beginnt früh mit der Vorbereitung von Andachten und Gottesdiensten. So auch in diesem Jahr. Geplant war eine online-Andacht im Garten des Altenzentrums in Oedt; hierzu hatte P. Feyerabend sich bereits Gedanken gemacht. Aber das Virus torpedierte wieder mal unsere Planungen und wir mussten kurzfristig für die Dienstagsandacht einen anderen Ort und zum Teil neue Texte finden, vorbereitete Texte und Gedanken mussten z. Teil verworfen werden.

Aber einen Text möchten wir Ihnen nicht vorenthalten.

Lesen Sie selbst, bis zum Ende, bitte!

Die letzte Station!

Es kam ihm vor, als wäre es gestern gewesen. Kilometerweit war er kräftigen Schrittes unterwegs , vorbei an Weizenfeldern , deren Ähren sich im Winde wiegten, vorbei an über mannshohen Maispflanzen, die wie Zinnsoldaten eng an einander standen  und den Blick auf den Horizont verwehrten. Seine Frau war im vorigen Jahr an einer heimtückischen Krankheit verstorben. Er hatte lange gebraucht , um diesen Verlust zu verarbeiten und die Trauer zu überwinden. Die langen Spaziergänge hatten ihm dabei geholfen. Er war Alleinversorger geworden, machte seine Einkäufe, putzte Wohnung und Treppenhaus und bereitete sich seine Mahlzeiten zu. Seine Kinder waren über die ganze Welt verstreut und hielten Kontakt über Skype.

Dann kam dieser Dienstag. Mitten in der Nacht  wachte er  mit einem vernichtenden Schmerz im Brustkorb auf,  alarmierte den Notarzt und wurde  ins Krankenhaus transportiert.

Ein ausgedehnter Herzinfarkt mit erheblicher Schädigung der Blutpumpe hatte ihn außer Gefecht gesetzt und ihn zu einem hilflosen, intensivpflichtigen Menschen gemacht. Angeschlossen an vielfache, organunterstützende Geräte war er in ein künstliches Koma versetzt worden, aus dem er nach 3 Wochen völlig entkräftet und orientierungslos erwachte. Erst Tage später wurde ihm bewusst, dass er mit Gottes Hilfe und der Kunst der Ärzte und Pfleger überlebt hatte. Trotz allen Einsatzes und eisernen Willens während der anschließenden Rehabilitation blieb er in einem pflegebedürftigen Zustand. Aus dem Selbstversorger war ein von anderen Abhängiger geworden. Ein zurück in die eigenen vier Wände war nicht möglich. Zu Lebzeiten seiner Frau hatten sie häufig über diese Situation nachgedacht und sich in die Hand versprochen, nie in ein Altenheim zu ziehen, jedoch ohne über eine brauchbare Alternative nachzudenken.

Jetzt sollte es soweit sein?  Er ins Altenheim? Die  Pflege zu Hause war nicht möglich, der Umzug ins Altenheim schien unumgänglich. Der Widerwillen gegen diese Entscheidung war bei vielen Besuchen in etlichen Einrichtungen  angesichts der spürbaren und nach außen getragenen Unzufriedenheit der Bewohner und ihrer Angehörigen  mit der Pflege und der Behandlung entstanden. Ihm klangen Sätze in den Ohren wie :“ Hier wirst du behandelt wie ein Untermensch, deine Bedürfnisse interessieren niemanden, das Notwendigste wird getan, ein Wohlgefühl stellt sich nicht ein“.  Es entstand der Eindruck, dass in diesen Häusern Nächstenliebe und Barmherzigkeit  aus den Handlungs- und Leitlinien gestrichen worden seien.

Eine Entscheidung musste fallen. Der Frühling hatte Einzug gehalten, die Entlassung aus der mehrmonatigen Rehabilitation stand vor der Tür. Die Tochter war aus Stuttgart angereist, um seinen  Einzug in die Pflegeeinrichtung vorzubereiten. An einem sonnigen Freitagmorgen schob sie  ihn, den hilfsbedürftigen Vater, durch das Tor des Pflegeheimes in den rückwärtig gelegenen Garten.  Krokusse und Osterglocken hatten die Grasnarbe durchbrochen, Haselnussblüten hingen von ihren Zweigen herab  und Bienen machten sich an ihnen zu schaffen. Alte Menschen an Rollatoren,  einzelne auch in Krankenfahrstühlen wie er, spazierten  auf den Wegen, andere saßen zu zweit oder dritt auf Bänken und Stühlen und unterhielten sich lebhaft. Ein buntes Bild voller Harmonie und Fröhlichkeit. Wie kommt es nur zu dieser guten Stimmung, fragte er sich.

Er blickte auf die sonnenbeschiene Ostfassade des Gebäudes, auf die Balkone mit bepflanzten Blumenkästen und den bunten Markisen. Bewohner winkten ihm von oben herab freundlich zu. Das sollte nun seine neue Bleibe werden, seine vielleicht letzte Station auf dieser Welt?

Eine junge, zugewandte Frau, die Pflegedienstleiterin, nahm sie in Empfang und führte sie in das Zimmer, welches nach dem Ableben des letzten Mieters für ihn reserviert worden war. In der Fensternische nahe dem Ausgang zum Balkon stand ein hoher Ohrensessel, seitlich davon ein bequemes Pflegebett. Ansonsten war das geräumige Zimmer kahl und leer. Wir wünschen uns, so die Worte der Pflegerin, dass sie die persönlichen Dinge, an denen sie hängen, mitbringen und liebgewonnene Bilder an die Wände hängen , um sich so ein eigenes Reich schaffen.

Wir möchten ihnen die Angst vor der Fremdheit der neuen Umgebung nehmen, wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen ihre Wünsche zu erfüllen mit dem Ziel, dass es ihnen unter unserer Obhut gut gehen möge. Wir sind bemüht die christliche Leitidee von Nächstenliebe und Barmherzigkeit auszuüben und streben hier nach permanenter Umsetzung. Das klang wie auswendig gelernt, kam aber wie ein Gelöbnis . ein echtes Versprechen bei ihm an. Hierauf wollte er bauen! 

Einige Tage später erfolgte der Umzug. Sein Reich hatte er mit Hilfe anderer  gestaltet.

Familienfotos standen auf dem side board, die Anzahl der noch zu lesenden Bücher im aufgestellten Bücherschrank zeugten vom unbändigen Willen diese Station noch lange nicht zu verlassen.

Gewöhnen musste er sich an die täglich wiederkehrenden gut gemeinten Fragen nach seinem Gesundheitszustand, an die vielen selbstverständlich geleisteten Hilfestellungen, die seine Pflege erforderten. Dankbar nahm er die aufmunternden Sprüche entgegen, wenn es ihm schlecht ging.  Ging es ihm gut, lachte und scherzte er mit denPfleger/innen und zeigte ihnen die freundliche Seite seines Wesens.

Wie hatte er sich gewehrt gegen diesen Umzug ins Heim , befeuert von den schlechten Erfahrungen, die andere gemacht hatten. Er begann sich wohl und sicher in der neuen Umgebung zu fühlen, und bewunderte die guten Geister, die ihn und viele andere mit Hingabe pflegten. Er fühlte sich als Mensch geachtet, human und menschenfreundlich behandelt. Die Menschenfreundlichkeit,  Liebe zu den Menschen  die in Jesu Lebens- und Leidensweg offenbar wurde, schien hier ihre Fortsetzung zu finden. Den in der Bergpredigt zugesprochenen Trost für die Leidtragenden konnten er und die anderen intensiv spüren.

Dann kam Covid 19. Eine enorme Belastungsprobe für das Personal und die Bewohner mit kaum lösbaren Problemen. Die Türen blieben verschlossen, Kontakte und Publikumsverkehr wurden eingestellt, das Pflegeheim als Ort der Kommunikation existierte von heute auf morgen nicht mehr.

Er saß zurückgelehnt in seinem Ohrensessel allein in seinem Zimmer, blickte auf die Frühlingsblumen in der Wiese und war sich seiner Verletzlichkeit angesichts der sich ausbreitenden, Virusinfektion bewusst. Er hatte Verständnis für die  restriktiven Maßnahmen,  freute sich über jedes Klopfen an der Tür in Erwartung eines maskierten Helfers in einem Schutzanzug, der ihm sein Essen reichte und der nicht vergaß, einige nette Worte mit ihm zu wechseln.

Verlassen fühlte er sich nicht.  Trotz aller Einschränkungen kümmerte man sich um ihn, umsorgte ihn,  war da, wenn er Hilfe brauchte. Er hatte gelernt seine Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren und Hilfeleistungen anderer dankbar anzunehmen.  Die Entscheidung für diese letzte Station hat mir bisher nur Gutes gebracht, dachte er bei sich.

(P. Feyerabend)